Die Erweiterung des öffentlichen Raums
mit den Mitteln der Kunst



 

Läßt sich der öffentliche Raum mit künstlerischen Mitteln erweitern? Anlass zu dieser Frage sind die Widerstände gegen "Die Gänse vom Feliferhof", ein Gemeinschaftsprojekt der Künstler Esther Shalev-Gerz und Jochen Gerz (1).

 

Einige Stichworte: Führende Militärbefehlshaber des Schießplatzes Feliferhof in Österreich, beauftragten Esther Shalev-Gerz und Jochen Gerz mit Gestaltung einer Gedenkstätte für die Menschen, die während der Herrschaft der Nationalsozialisten in Österreich auf dem Schießplatz ermordet wurden. (2) Hierbei handelt es sich keineswegs um eine exklusiv "österreichische Angelegenheit" und schon gar nicht um etwas, was den Militärs in der Steiermark überlassen werden sollte. Einmal abgesehen von den Ermordeten, von denen keine Spuren mehr vorhanden sind, erweist allein schon die Öffnung des Massengrabes im Jahr 1945, die internationale Bedeutung der Vorgänge auf dem "Feliferhof". Bei der Öffnung des Grabes wurden die Körper von 142 Menschen gefunden:
116 Leichen trugen Zivilkleidung,
10 Leichen trugen ungarische Uniformen,
4 Leichen trugen deutsche Uniformen,
4 Leichen trugen keine Bekleidung,
3 Leichen trugen französische Uniformen,
3 Leichen trugen russische Uniformen,
1 Leiche trug eine amerikanische Uniform.

 

Das Scheitern des Projekts vor Ort wirft verschiedene Fragen auf. Welche Berechtigung hat Kunst im öffentlichen Raum? Was ist zu tun, wenn die Berechtigung der künstlerischen Stellungnahme verweigert wird? Ziel dieses Textes ist zu zeigen, daß die Antworten auf diese Fragen von uns allen abhängen.

1. Die Berechtigung der Kunst im öffentlichen Raum

 

Was ist ein öffentlicher Raum? Zunächst stellen wir uns den öffentlichen Raum als jenen Raum vor, der öffentlich zugänglich ist. In diesem Sinne ist der "Feliferhof" kein öffentlicher Raum, denn es handelt sich ja um ein für Zivilisten unzugängliches Militärgebiet. Allerdings gibt es durchaus öffentliche Räume, welche der breiten Öffentlichkeit gar nicht immer offen stehen. So bleibt zum Beispiel ein Rathausplatz oder ein Museum auch dann ein öffentlicher Raum, wenn der Platz während einer Feierlichkeit abgesperrt wird oder das Museum während der Ferien schließt. Bleibend ist allerdings das öffentliche Interesse an diesen Räumen. Vielfach betrifft öffentliches Interesse allerdings auch private Räume, zum Beispiel wissenschaftliche Forschungslabors oder auch die Ferienwohnungen von Filmschauspielern. Wenn öffentliches Interesse an einem Raum besteht, so gilt es zunächst einmal, die Berechtigung des Interesses zu prüfen. Das gilt insbesondere dann, wenn einem Künstler die Aufgabe erteilt wird, einen solchen Raum zu gestalten.

 

Ob ein Raum ein öffentlicher Raum ist, hängt insbesondere von politischen Gegebenheiten ab. Das gilt insbesondere für die "Die Gänse vom Feliferhof", denn sie betreffen das Gedenken an die Ermordung von Menschen im Namen des Staates. Für Orte, an denen ein Staat Menschen ermordet ließ, besteht sicher ein gerechtfertigtes öffentliches Interesse. Das Anliegen, einen diesen Orte dem öffentlichen Gedenken nahezulegen, erscheint durchaus als sinnvoll. Die Entscheidung der Millitärs, die Vergangenheit des "Feliferhofs" mit künstlerischen Mitteln zu behandeln ist sicher lobenswert.

 

Darüberhinaus war sie überfällig. Politschen Veränderungen auf Verfassungsebene, wie zum Beispiel der Wiedereinführung der Demokratie in Österreich, nach dem Ende des zweiten Weltkrieges vor über 50 Jahren, folgt in der Regel die Beseitigung von kulturellen Altlasten (3).

 

Die Kunst ein Anhaltspunkt für die Entwicklung der gesellschaftlichen Strukturen. Die Erscheinungsform von Kunst im öffentlichen Raum kann zeigen, inwieweit eine Gesellschaft ehemalige politische Strukturen schon überwunden hat. Nun folgt die Kunst im öffentlichen Raum jedoch besonderen Regeln. Gesellschaftspolitische Erwägungen reichen zur Erklärung künstlerischen Schaffens nicht hin. Jedenfalls entsprechen die Regeln der Kunst nicht immer den von den politischen Machthabern gewünschten Regeln. So kann die künstlerische Verarbeitung der Vergangenheit schon mal etwas heraus geschoben werden, wünschenswert bleibt es natürlich, wenn sie noch vor dem nächsten politischen Umbruch stattfindet.

 

In einer demokratischen Gesellschaft ist der öffentliche Raum ein empfindliches Gut. Dieses Gut bedarf des Schutzes des Volkes und der gesellschaftlichen Institutionen. Angriffe auf die Kunst im öffentlichen Raum sind oftmals Zeichen der Ablehnung der Verfassung der Gesellschaft. Die Gestaltung des öffentlichen Raums verlangt deshalb Empfindsamkeit von Seiten der Künstlerinnen und Künstler für die politischen Gegebenheiten, unter denen sie ihre Arbeit verrichten. Dies gilt insbesondere dann, wenn Kunst im öffentlichen Raum von der Vergangenheit und insbesondere von totalitären politischen Strukturen handelt. Wenn eine künstlerische Beschäftigung mit diesem Thema überhaupt Sinn haben soll, so bedarf es zumindest des Willens zur offenen Auseinandersetzung von allen Seiten. Leider lassen die millitärischen Verwalter des "Feliferhofs" diesen Willen vermissen.

 

Die Ablehnung der "Gänse" ist ein Angriff auf die öffentliche Kunst. Die Sätze, welche Esther Shalev-Gerz und Jochen Gerz angesichts der Ermordung von Gegnern des Nationalsozialismus fanden, betreffen unmittelbar die Rolle von Soldaten in totalitären Staaten. Der Unwille der Verantwortlichen gegen die Auseinandersetzung mit den Auffassungen von Zivilisten ist ein Skandal. Dies gilt umso mehr, als dieser Unwille letztlich die Verwirklichung des Projekts vor Ort bis auf den heutigen Tag verhindert hat. Noch schlimmer: Diejenigen, welche die Auseinandersetzung mit der Meinung des Künstlerpaares scheuen, sind wiederum jene, welche noch heute mit der Ausbildung der Soldaten auf dem "Feliferhof" beauftragt sind. Anstatt eine demokratisch notwendige Auseinandersetzung offen und öffentlich zu führen, ziehen sich die Verantwortlichen zurück hinter eine Mauer des Schweigens. Eine solche Mauer verdeckte schon die Morde an den Gegnern der National-Sozialisten .

 

Ein Verdienst des Projektes von Esther Shalev-Gerz und Jochen Gerz ist diese Ungeheuerlichkeit aufzudecken. Die Unfähigkeit zur öffentlichen Auseinandersetzung über vergangene Verbrechen ist einer der Bausteine auf welchen die Gegner der Demokratie bauen können. Allein aus diesem Grunde ist die Berechtigung des öffentlichen Interesses am Feliferhof für demokratisch gesinnte Menschen gegeben.

2. Virtuelle Gestaltung als Erweiterung des öffentlichen Raumes

 

Das Scheitern des Projeks die Gänse des Feliferhofs ist nicht nur beschämend für die Demokratie in Österreich, sondern auch für die Entwicklung des öffentlichen Raums im Allgemeinen.

 

Die Verwiklichung der "Gänse" im virtuellen Raum kann darüber nicht hinweg täuschen. Nichtsdestoweniger unterstreicht sie den Skandal und bietet allen Interessierten die Möglichkeit, Position zu beziehen. Im Gegensatz zum Militärgelände "Feliferhof", zu welchem in erster Linie Angehöhrige der Österreichischen Armee Zugang haben, steht der Zugang in den virtuellen Raum des Internets einer breiteren Zielgruppe offen. Die Präsenz des Projektes in der öffentlichen Diskussion scheint dabei wichtiger, als die Realisierung des Projekts vor Ort. Der virtuelle Raum verhilft den "Gänsen" zu einer Existenz, die ihm auf dem Militärgebiet verweigert wurde.

 

Das eigentliche Ziel des Projektes, die Anregung der notwendigen Diskussion über das Verhältnis zwischen Armee und Staat und den in ihrem Namen verübten Verbrechen wird möglich. Zwar ist diese Diskussion auch mit den herkömmlichen Mitteln zur Verbreitung von Information möglich und fand - wie Dokumentation der Polemik um das Projekt es zeigt - auch statt. Im Gegensatz zu den Artikeln in der herkömmlichen Presse, sind die "virtuellen Gänse" auf dem Internet jedoch jederzeit und dauerhaft verfügbar. Das ist deshalb wichtig, weil der Skandal des "Feliferhofs" seine Aktualität nicht dann verliert, wenn die herkömmliche Presse ihn nicht mehr aufgreift. In diesem Sinne ist der virtuelle Raum eine Erweiterung des öffentlichen Raums. In verschiedenen Hinsichten ist die Existenz der "Gänse" auf dem Internet greifbarer, als sie es vor Ort je hätte sein können.

 

 

 

Die bleibende Präsenz des Projektes im virtuellen Raum schafft die Möglichkeit, sich nicht nur über das Projekt zu informieren, sondern es zu diskutieren und sich darüber hinaus aktiv an seiner Entwicklung zu beteiligen. Wir alle sind aufgefordert, im Gedenken an die auf dem "Feliferhof" ermordeten Menschen, neue, aktuelle Sätze für die vier Flaggen zu finden. Auf diese Weise entsteht eine Arbeit im öffentlichen Raum, welches auch kommenden Entwicklungen auf dem Schießplatz und in aller Welt gerecht werden kann.

Mein Aufruf, die Gedenkstätte im virtuellen Raum zu gestalten, geht einher mit der Sorge um die Unfähigkeit der demokratischen Institutionen besonders in Europa, nationalistischen Tendenzen Einhalt zu gebieten. Rassistisch motivierte Morde, Anschläge gegen die religiöse und wirtschaftliche Institutionen anderer Kulturen und besonders die demagogische Vorbereitung von Gewalt, gehören wieder zur Tagesordnung. (Informationen in diesem Zusammenhang bietet etwa die Mailigliste Widerst@nd. andreas.goerg@blackbox.net) In der Renaissance nationalistischer Ideale sehe ich eine der Hauptursachen für diese Entwicklung.

 

Das Versagen der staatlichen Institutionen sollte uns nicht darüber täuschen, daß die Verantwortung für das erneute Auftreten von rassistischer Gewalt und faschistischer Ideologie bei uns allen liegt. Die "virtuellen Gänse" geben uns das, was den Soldaten auf dem "Feliferhof" verweigert wurde: Einen Ort zur freien Diskussion. Es liegt an uns, wie wir ihn nutzen und ob es uns gelingt, aus dem Gedenken an die Opfer verbrecherischer Machthaber Lehren für die Gegenwart ziehen. Das Scheitern des Projektes von Esther Shalev-Gerz und Jochen Gerz auf dem "Feliferhof" ist ein Erfolg für die Feinde der Völkerverständigung. Die Existenz des Projektes des im virtuellen Raum gibt uns die Möglichkeit zu zeigen, daß dieser Erfolg nicht dauerhaft ist.

 

Unsere Stellungnahme ist erforderlich

Fußnoten:

 

(1) Jochen Gerz hat mehrfach - oftmals in Zusammenarbeit mit Esther Shalev-Gerz - an Themen von öffentlichem Interesse gearbeitet. Eine gemeinsames Charakteristik dieser Arbeiten ist die Aufforderung zur Beschäftigung mit Ereignissen aus der politischen Vergangenheit. Die Vergangenheit wird nicht als etwas "abgeschlossenes" oder "fernes" behandelt, sondern sie wird unmittelbar auf die Gegenwart bezogen. Weiterhin ist allen diesen Arbeiten gemeinsam, daß sie die Gegenwart nicht als ein "abstaktes" Phänomen erscheinen lassen, sondern die unmittelbare Gegenwart des Betrachters selbst betreffen. Immer wieder handelt es sich um die gleiche Aufforderung an uns alle: Erinnert Euch und handelt.
Das Monument gegen Faschismus zum Beispiel fordert die Bürger Harburgs auf zur Unterschrift und also zur Stellungnahme gegen die zur Gewalt bereiten Feinde der Völkerverständigung. Es zeigt, wie verbohrter nationaler Wahnsinn sich unter dem Deckmantel der westdeutschen "Musterdemokratie" mit ignoranter Dummheit paarte.
Das Monument gegen Rassismus erinnert an die Verbrechen gegen die Kultur in Deutschland, besonders die Vertreibung und Vernichtung der jüdischen Bürger, also Verbrechen zu denen wir uns jetzt stellen müssen.
Das Lebendige Monument (Biron) ersetzt ein Kriegsdenkmal und aktualisiert das Andenken an die Gefallenen der Weltkriege indem es die Einwohner des südfranzösischen Städtchens auffordert, ihre Meinung kundzutun.
Das Dachau Projekt erinnert daran, daß die augenblickliche Umgangssprache der deutschen Museen auch die Umgangssprache der Konzentrationslager war.
Das zurückgezogene Projekt für das Holocaust-Denkmal von Berlin sah vor die Besucher mit der Frage "warum" in ihrer jeweiligen Landessprache konfrontieren.
Die Fotoserie It was easy formt die Unfassbarkeit der Greul der Vergangenkeit auf kurze Begriffe vor denen unsere Vorstellungskraft einsam bleibt. Die Installation Der Stein will zurück zur Schleuder zeigt einen aktuellen Zustand der gleichzeitig auf die Unmöglichkeit verweist, das Vergangene ungeschehen zu machen.
Die Gänse vom Feliferhof sind ein Glied in dieser Reihe.

 

(2) Eingehende Informationen über das Projekt "Die Gänse vom Feliferhof" finden sich in den anderen Teilen dieser Publikation. In dem Artikel "Introduction à l'affaire" von Jean-Jacques Gay findet sich eine Einführung in die Geschichte und in die Anliegen des Projektes. Eine Beschreibung liegt ebenfalls vor. Die umfangreiche Dokumentation verschiedener Zeitungsartikel und Briefe gibt zudem Zugang zu der durch das Projekt veranlassten Debatte.

 

(3) Die Zerstörung von Statuen französischer Könige oder russischer Zaren im Verlauf oder in der Folge von politischen Revolutionen sind Paradebeispiele für die Abhängigkeit des öffentlichen Raums von der politischen Herrschaftsform. Ein einprägsames Beispiel bietet die Entwicklung der Kunst Deutschlands im Laufe des XX. Jahrhunderts. Diese Entwicklung ist in vielerlei Hinsicht charakteristisch für die Entwicklung der politischen Kultur in Europa. Das Ende der Monarchie in Deutschland öffnete der künstlerischen Gestaltung reiche Perspektiven. Einen radikalen Ausdruck der neuen demokratischen Freiheiten findet sich in Dada, in Filmen aus Babelsberg oder auch in der Architektur des Bauhauses. Die nationalsozialischtische "Revolution" bringt einen radikalen Wechsel. Anstelle der "entarteten Kunst" der "Systemzeit", bestimmen von nun an "völkische" Momente die Gestaltung des öffentlichen Raums die etwa in den Monumentalbauten auf dem Nürnberger Reichsparteitagsgelände oder den deutschen Beiträgen für die Weltausstellung von 1937 oder in den bildern Leni Riefenstahls ihren Ausdruck finden. Das Ende der totalitären Selbstherrlichkeit und die Teilung Deutschlands schlägt sich ihrerseits in der Entwicklung zweier Kunstrichtungen nieder. Unter russischem Einfluß gestaltet der "sozialistische Realismus" den öffentlichen Raum. In die Kunst im öffentlichen Raum Westdeutschlands prägen sich US-amerikanische Vorstellungen von Demokratie. Wollten wir einen Begriff "gelungen" künstlerischen Schaffens formen, so könnte er sich insbesondere aus der Untersuchung jener Arbeiten ergeben, welche den Kanon der jeweiligen politischen Gegebenheiten übersteigen.