Die Affaire der Flaggen


Von Jean-Jacques Gay

Vielen Dank an Erik Lampée-Baumgartner

Einführung in die Affaire

 

Verwirklichung des Projektes "Die Gänse vom Feliferhof" erschien der Künstlerin Esther Shalev-Gerz und dem Künstler Jochen Gerz lange Zeit zweifelhaft, zweifelhafter noch, als die Verwirklichung aller anderen Arbeiten, die sie zuvor alleine oder gemeinsam gestaltet hatten. Sie arbeiteten dennoch weiter. Die Schwierigkeit der Verwirklichung waren keine technischen oder finanziellen Mängel, sondern die Anstrengungen und Opfer, die von einer in Vorurteilen verhafteten Bevölkerung verlangt wurden.

Verschrockene Österreicher stellten das Projekt in Frage, um das sie selbst ersucht hatten. Die Hinterfragung ihres gewohnten Geschichtsbildes verlangte nach Tapferkeit und Ungehorsam gegenüber den Tabus des kollektiven Gedächtnisses.

 

Die Gerzes öffneten einmal mehr die Schachtel der Pandora, aus welcher das Ungesagte in die unergründlichsten Tiefen des kollektiven Vergessens dringt. Die Presse, die Politiker und verschiedene Organisationen nahmen Stellung in einer lebhaften Debatte.

 

Im Gegensatz zu dem Mahnmal der 2146 Steine gegen den Rassismus, sind die Gänse vom Feliferhof ein Auftragswerk. Es stieß auf so viele Schwierigkeiten, daß die Künstler am Ende glauben, daß dieses Projekt niemals verwirklicht werden würde, wie sie es ebenfalls während der Arbeit am lebenden Monument von Biron eine Zeit lang taten. Die Debatte um die Gänse vom Feliferhof war dabei noch rauher und belebter als die um das Monument gegen Faschismus in Hamburg-Harburg. Die Debatte spielte sich zwischen Politiken, der Armee, Menschenrechts-Organisationen und Verbänden des österreichischen Widerstandes ab.

Die Geschichte der "Gänse vom Feliferhof"

 

Ende des Jahres 1995, schreibt der Befehlshaber der Militärregion Graz (Steiermark), zur Erhaltung einer Gedenkplatte von 1980, einen Wettbewerb mit dem Ziel aus, ein Monument an den letzten Weltkrieg durch einen zeitgenössischen Künstler schaffen zu lassen. Anfang 1996 wird die Jury zusammengerufen und entscheidet sich für das Projekt von Esther und von Jochen Gerz : "Die Gänse vom Feliferhof".

Die Geschichte des "Feliferhofs"

 

Um die Zusammenhänge besser zu begreifen, gehen wir einmal nach Österreich zwischen 1941 und 1945 zurück, insbesondere zum besagten "Feliferhof", einem Schießstand und Trainingslager. Hier wurden die Gegner und Störenfriede des national-sozialistischen Regimes (Männer, Frauen und zweifellos auch Kinder) in aller Stille ermordet. Auch vor 1945, dem Jahr der massivsten Reinigung, in deren Verlauf sich die Massengräber vervielfältigen, fand hier alles in größter Heimlichkeit statt. Die Körper vieler Opfer dienten anschließend anatomischen Untersuchungen an der medizinischen Fakultät der Universität von Graz. Österreich hat lange jede Art des Widerstandes innerhalb seiner Grenzen geleugnet. Es dauerte bis 1980, dann wurde eine Gedächtnisplatte auf einem der Gebäude des Standortes "Feliferhof" angebracht. Der "Feliferhof" ist immer noch ein Militärgelände. Hier verbessern jedes Jahr etwa 10 000 Soldaten von den sieben Kasernen der Region von Graz ihren Umgang mit dem Gewehr. Auch 50 Jahre nach den Ende des Krieges hat das österreichische Gedächtnis Schwierigkeiten, sich zu enthemmen.

Nichts kann sich an unserer Stelle gegen die Ungerechtigkeit erheben
- Jochen Gerz

 

Nach Kenntnisnahme dieser die Geschichte des "Feliferhofs" betreffenden Sachverhalte, wirft die Verwirklichung der Gedenkstätte, wie schon die "geheime Frage von Biron" und die "Fragebögen von Bremen", neue Fragen auf: Welche Stellung haben Kunst, Wahrheit, Öffentlichkeit und Geschichte zueinander?

 

Aus dem Französischen von Christian W. Denker