Der folgende Artikel wurde in Synesthesie 9 in französischer Sprache veröffentlicht.
Momentane subjektive Kartographie der CyberfeministInnen
Nathalie Magnan
"Feminismus" an sich existiert nicht, doch es existieren multiple Strategien feministischer Praxis.
"Im Cyberspace können Männer uns nicht unterbrechen." Kathy Rae Huffman
CyberfeministInnen unterstützen sich technisch, sie veröffentlichen im Netz Informationen, die Frauen betreffen, Informationen, die nicht in den dominanten Medien zirkulieren.
In den siebziger Jahren heisst Feminismus unter anderem, Stereotypen zu denunzieren, die eine ganz bestimmte Identität der FRAU bedeuten. Es heisst auch, den männlichen Blick als einzig gerechtfertigten Blick, als einzig autorisierten und Autorität ausübenden Blick zu analysieren.
Daraus resultiert unglücklicherweise noch immer die Notwendigkeit, Informationen, die anderswo unauffindbar sind, zu veröffentlichen. Ihre Werkzeuge sind praktisch, rentabel, spielerisch, stark und nützlich.
Die CyberfeministInnen verteidigen sich selbst indem sie die Ungerechtigkeit gegenüber Frauen überwachen und auf ironische Art und Weise denunzieren.
Relektüre der Geschichte
Die Geschichte weiblicher Beziehungen zur Technologie dementiert die gemeinhin verbreitete Annahme einer weiblichen Technophobie. Sadie Plant lässt Frauen aus der Geschichte der Wissenschaft auftauchen. Ada Lovelace wird zum verlorenen Ursprung des schon immer in der Technologie existierenden weiblichen Raumes. Ada ist die Erfinderin eines Computerprogrammes. Eines Programmes, dass für den analytischen Motor Babbages geschrieben wurde, der einer der ersten Rechner war. Im Jahre 1843 erdachte Ada Anwendungen, die erst ein Jahrhundert später das Tageslicht erblicken sollten: Anwendungen zum Erstellen von Grafiken und komplexer musikalischer Kompositionen. Der noble Teil der Technologie blieb trotz allem den Männern reserviert: die Konstruktion der Maschinen und des Materials. Ironie der Geschichte.
CyberfeministInnen ändern den Sinn des Zeichens "Frau" in der Geschichte der Repräsentationen der Wissenschaft.
In der Geschichte ist das Gesicht der Wissenschaft das der Frau - als inspirierende Muse des wissenschaftlichen männlichen Genies. Dieses Gesicht bleibt in der Form der robotischen Frau bestehen, wie sie die "Maria" im Film Metroplis darstellt. Für Zoe Sofoulis repräsentiert die robotische Frau
"das Symptom männlicher Fantasmen der Herrschaft der Natur, der Reproduktion ohne Frauen, das Frauen auf agressive Art und Weise durch ein gehorsames Trugbild ersetzt. (...) Eine andere Interpretation könnte die Angst sein, die die technologische Frau hervorruft. Frauen und Technologien könnten als strukturell äquivalent betrachtet werden: als Werkzeuge, die von Männern benutzt werden. Doch je ausgeklügelter sie sind, desto mehr sind sie zur Auferstehung fähig, der Kontrolle ihrer Konstrukteure und Herren entschlüpfend. Der Terror, durch Maschinen dominiert zu sein, bleibt unbeantwortet, eher identifizieren sich Frauen mit den Maschinen als Figuren einer transgressiven Macht."
Cyberfeminismen
Eine Geschichte
Adelaide, eine kleine niedliche Stadt Australiens, im Jahre 1991. Vier gelangweilte Mädchen beschliessen, sich mit Kunsttheorien und den Theorien des französischen Feminismus zu vergnügen. Sie kreieren das Miniunternehmen VNS Matrix. In ihrem ersten Text "Ein cyberfeministisches Manifest für das 20. Jahrhundert", der als Hommage an Donna Haraway und ihren Text "Cyborg Manifesto" gedacht ist, beginnen sie, mit der Idee des Cyberfeminismus zu spielen. VNS Matrix preist eine futuristische Sexualität an, die sich des Vokabulars der Cybertechnologien und der Welten des Cyberpunks bedient. Klitoris und Phallus werden zu Instrumenten des Bruchs der symbolischen Ordnung. Einer Ordnung, die von der Zentraleinheit (des Computers) der "Väter" produziert wird. Alles begann mit einer spontanen Initialzündung in einigen Orten Europas, der Vereinigten Staaten und Australiens, der Cyberfeminismus ist ein Thema geworden, das Theorie, Kunst und die Universitäten infiziert. Was ein Impuls war, ist Konsumobjekt geworden. All das funktioniert wie Akupunkturnadeln: es lässt die Energie fliessen.
Von der Sience Fiction zur Fiktion der Wissenschaft:
Schon die feministische Kritik hatte die genders maskulin/feminin als soziale und kulturelle Konstrukte definiert, die gender und biologisches Geschlecht von einander unterscheiden. Die CyberfeministInnen, so wie auch schon die dritte Welle angelsächsischer FeministInnen, stellen das Naturell der Biologie in Frage.
"Ich wäre lieber Cyborg als Göttin." (Haraway)
Die Figur des Cyborgs, die Donna Haraway in ihrem utopischen und visionären Text "Cyborg Manifesto" beschreibt, ist "ein kybernetischer Organismus, ein Hybrid aus Maschine und Organismus, sowohl eine Kreatur der sozialen Realität als auch eine Kreatur des Imaginären (...) Die biologische Wissenschaft, die wir normalerweise als Infragestellung der Natur sehen, ist dies durch diese neue Subjektivität um so mehr, die sich durch die Integration des menschlichen Wesens mit der Maschine produziert." Das "Cyborg Manifesto" hinterfragt radikal die sogenannten natürlichen Allianzen; und schlägt perverse Verbindungen zwischen Frauen, Maschinen und der Tierwelt vor: der Cyborg als politische Strategie.
Donna Haraway führt in diesem Text eine semantische Neuausrichtung durch, indem sie eine andere Sprache schreibt, ihr Text ist dicht; geschrieben in mehreren sich überlagernden Ebenen. Unangreifbar, verbittet sie sich eine klare Kommunikation und universelle totalisierende Theorien. Die Ironie ist die "rhetorische Strategie und die politische Methode."
"Die Politk des Cyborgs ist der Kampf für die Sprache und gegen die perfekte Kommunikation, gegen den einzig wahren Code, der jeden Sinn perfekt übersetzt, gegen das Dogma des Phallozentrismus. Aus diesem Grunde hält die Politik des Cyborgs am Geräusch fest und befürwortet die Verschmutzung als Genuss illegitimer Fusionen des mensMomentanechlichen Wesens und der Maschine."
"Diese Verbindung Mensch-Maschine destabilisiert die Kategorien, die Reproduktionsweisen der Identität des "Okzidents", die Reproduktionsweisen der Natur - der Kultur, des Spiegels - des Auges, des Sklaven - des Herren, des Körpers - des Geistes."
Die Technologien der Information, die Gentechnologien wandeln die Natur in ein frei programmierbares Codesystem um.
Die Maschinen sind weder Dämonen noch Werkzeuge des Einschlusses, sie können auch Befreierinnen sein.
"Das Bild des Cyborgs kann einen Ausweg aus dem dualistischen Labyrinth, mit dem wir unsere Körper und unsere Instrumente beschrieben haben, suggerieren. (...) Das bedeutet, Maschinen, Identitäten, Kategorien zu konstruieren und zu zerstören."
"Ich ziehe es vor Cyborg zu sein als Göttin."
CyberfeministInnen sind bad girls, die Maschinen lieben und mit Identitäten spielen...
Übersetzung von Ulrike Uhlig
- links -
in englischer Sprache:
Donna Haraway: CyborgManifesto
electronic gender, art at the interstice
Körper, Gerüche, Überwachung und Repräsentation
Stories von radikalen Frauen: yokodoll (obn), Francesca da Rimini und Ricardo Dominguez
in französischer Sprache: